DU, MEIN GLÜCK

[Ausführliche Inhaltsangabe]

Ein Güterzug fährt auf einem Gleis auf ein großes Tor zu. Auf dem Bahnsteig, auf dem Zug, Soldaten, schwer bewaffnet. Hunde werden an kurzer Leine geführt, sie bellen, reißen an den Leinen. Die Türen der Waggons werden geöffnet. Gefangene springen sich stoßend und schubsend auf den Bahnsteig, werden in Gruppen abgezählt, marschieren durch das Tor in ein Lager. Sie werden zur Arbeit eingeteilt. Das Lager liegt, durch einen Zaun getrennt, an einem Fluss.

Aus einem Rohr, das vom Lager zum Fluss führt, kriecht ein Mann und springt ins Wasser. Sofort beginnt der Soldat vom Wachturm aus auf den Flüchtling zu schießen. Der Flüchtling schwimmt um sein Leben. Die Gefangenen sehen mit starren Gesichtern dem Fluchtversuch zu. Ein Boot wird ins Wasser gelassen, ein Offizier und Soldaten springen in das Boot und folgen dem Flüchtling. Schnell haben sie ihn eingeholt. Der Offizier hat die Pistole gezogen, zielt auf den Kopf des Flüchtlings. Ein Bild ,das eingefroren scheint. Der Mann schwimmt. Das Boot folgt ihm. Mit letzter Kraft gelangt der Flüchtling ans Ufer, läuft die ersten Schritte. Der Offizier springt vom Boot, geht wenige Schritte, schießt dem Flüchtling erst ins Bein, dann ganz ruhig und schnell in den Kopf. Die Soldaten schleifen die Leiche ins Boot. Die Gefangenen fluchen und gehen wieder an die Arbeit.

Titel: Du, mein Glück

 Auf einem Bauernhof sitzt ein Junge und kaut selbstvergessen Buchweizen. Er schaut unbeteiligt einer Prügelei zwischen zwei schon gänzlich entkräfteten Männern zu. Eine Frau schaut aus dem Fenster genauso gelangweilt und gefühllos zu, wie die Männer sich prügeln. Ein Kraftfahrer überquert den Hof, lächelt freundlich Kind und Frau an und fährt davon.

Der Fahrer kehrt zu Hause ein, findet seine Frau von ihm abgewandt auf dem Sofa vor, geht in die Küche, macht sich Brote zurecht und Tee, verlässt die Wohnung und fährt davon. Seine Frau verkündet seine Abfahrt ihrem Liebhaber.

Der Fahrer folgt auf der Strasse einem Laster, der Kartoffeln geladen hat. Er versucht dem Lastfahrer zu zeigen, dass von dessen LKW die Kartoffeln auf die Strasse fallen. Der zeigt ihm als Reaktion den Stinkefinger.

Eine alte Frau sammelt die Kartoffeln von der Strasse in ein Netz. Eine stumme Menge versammelt sich um sie. Die alte Frau sagt, dass sie die Kartoffeln für ihren Sohn sammele, der esse sie so gerne. Einer aus der Menge murmelt: Der Sohn sei erschossen worden. Und alle Spuren seien verwischt worden.

An einer Verkehrskontrolle muss der Fahrer seine Papiere abgeben und erlebt, wie die Kontrolleure eine junge Frau belästigen. Da sie mit der Frau so beschäftigt sind, kann er still seine Papiere nehmen und wieder los fahren.

In seinem Auto sitzt ein alter Mann, der eine gute Geschichte verspricht, wenn er mitfahren darf. Er erzählt seine Rückkehr aus dem 2.Weltkrieg und wie er an seinem ersten Tag in der Heimat von einer Militärkontrolle ausgeraubt wurde und den Offizier daraufhin erschoss. Seither zieht er im Lande herum, namenlos, zukunftslos.

An einer Tankstelle ist der alte Mann plötzlich wieder verschwunden. Georgi, der Fahrer, nun wissen wir seinen Namen, fährt allein weiter.

Er gerät in einen Stau, nimmt eine minderjährige Hure mit und will sie zu Hause abliefern. Sie reagiert voller Hass auf seine Normalität, also Güte und fühlt sich von ihm gedemütigt.

Auf einem Markt wird er rüde von einem Mann angerempelt, der aggressiv auf alles und jeden reagiert. Schatun, der Gewalttätige, geht in den Wald, trifft auf einen jungen Mann, bittet ihn um Feuer, stößt ihm dann unvermittelt ein Messer in den Leib. Er setzt sich neben die Leiche, isst seine Brote, trinkt seinen Tee, nimmt aber nicht sein Geld und geht zufrieden grinsend davon.

Indes ist Georgi auf der Suche nach dem richtigen Weg. In einem Dorf will er  fragen, ihm wird nicht geöffnet, er hört das Durchladen eines Gewehres.

Er fährt weiter, aber sein Auto verreckt mitten auf einem Feld. Er muss im Auto übernachten. Er träumt von einer schönen Frau, die ein trauriges Lied singt.

Über das Feld kommen drei Ganoven, die einen Bruch machen wollen. Sie sehen das Auto, wollen es ausrauben, werden aber von Georgi überrascht. Sie ziehen sich etwas zurück, braten am Lagerfeuer Kartoffeln. Georgi sitzt am Auto, eine Metallstange in den Händen. Die Ganoven: ein großer Mann in einem langen Mantel, ein Einarmiger und ein Stummer sitzen am Feuer. Sie locken Georgi ans Feuer und schlagen ihn zusammen. Als sie sehen, dass Georgi nur Mehl geladen hat, verschwinden sie wütend in der Nacht, den Stummen lassen sie zurück.

Der Stumme bleibt bei dem Verletzten, er wiegt sich hin und her und summt vor sich hin.

Im Krieg (2.Weltkrieg) kommen drei Militärs in das Haus eines Lehrers und seines kleinen Sohnes. Der Lehrer bewirtet seine unverhofften Gäste, sie sprechen miteinander. Der Offizier ist irritiert, dass der Mann nicht an der Front ist. Der aber, ein Humanist, sagt, dass er nicht schießen könne und wolle, dass er seine Schüler auch so erziehen wolle und überhaupt könne er sich nicht vorstellen, dass die Deutschen, ein gebildetes Volk, nicht bald mit der Schießerei aufhören würden. Am nächsten Morgen führen die Soldaten den Lehrer über den Hof und erschießen ihn. Zurück bleibt das kleine Kind.

Ein verrückter, alter Mann irrt durch den Wald. In seinen wirren Reden beschwört er einen imaginären General, dass all die Massenerschie-ßungen schon rechtens gewesen seien. Man habe doch das Land und den Frieden verteidigt. Ein Armeewagen kommt auf ihn zu, er fühlt sich bedroht, schlägt auf den nach dem Weg fragenden Offizier ein.

Der Wagen verlässt fluchtartig den Wald. In dem Wagen ist ein Zinksarg. Sie sollen den toten Soldaten zu dessen Mutter bringen. Sie können sie nicht finden. Im Tausch gegen einen Offiziersmantel lassen sie den Sarg bei einem alten Bauern zurück, der ihnen den Empfang des Totenscheins und des Sarges quittiert.

In einem Bauernhaus sitzt der verletzte, heruntergekommene Georgi und flüchtet sich in Träume. Die schöne Frau, die das traurige Lied sang, hat ihn aufgenommen, er wird gepflegt, er wird geliebt, er arbeitet auf dem Markt. Aber er hat seine Sprache verloren und sein Gedächtnis. Und wieder bricht selbst in seiner geträumten Welt die Gewalt ein.

Er wird wieder zusammengeschlagen, er wird verhaftet. Aus dem Gefängnis befreit, schlägt er sich zu Maria durch und sieht, dass sie, die schöne Frau, irgendwelche Geschäfte macht.

In der Nacht, Georgi liegt schlafend in Marias Schoß, entwirft sie ein Märchen: Sie würden sich ein Haus im Süden kaufen, von hier fort gehen und immer nur in der Sonne leben. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden.

Georgi sucht sie überall, aber alle behaupten, eine Maria hätte es hier nie gegeben und in dem Haus, in dem er mit Maria lebte, sitzt ein fremder Mann. Der verjagt ihn, schlägt ihn zu-sammen. Ein alter Mann sammelt ihn im Schnee auf und nimmt ihn mit zu sich. Am nächsten Morgen liegt der alte Mann erschlagen im Hof.

Georgi fährt in einem LKW mit. Der Fahrer erzählt ihm seine Lebensphilosophie: Nie einmischen! In keinem Falle, dann habe man eine Chance, davon zu kommen.

Bei einer Fahrzeugkontrolle erleben beide wie eine Familie von der Miliz drangsaliert wird. Der Fahrer versucht zu schlichten, Georgi dreht durch. Er schießt um sich, erschießt alle im Raum und auch den flüchtenden Fahrer. Dann geht er zum LKW, setzt sich hinein und schläft fest ein.

Ausführlicher Kommentar

Diese Filmgeschichte ist wie eine Spirale, die sich mehr und mehr zu dreht, deswegen die so detaillierte Inhaltsangabe.

Die Zwangsläufigkeit der Handlungen des Helden der Geschichte, Georgi, ist nur zu verstehen, wenn man das Ineinandergreifen von Realstory, Rückblende, Vorblende und traumhaftem Zustand in ihrer feinen Verwebung sieht.

Die Exposition, vor dem Titel stehend, stimmt auf das Thema ein. Gefangenschaft, Brutalität- verbal und nonverbal-, Willkür und offene Gewalt sind das Thema dieses Filmvorschlages und immer wieder der Versuch des Einzelnen aus diesen Mustern zu fliehen oder in ihnen Schutzräume zu finden.

Georgi steht für diesen Versuch, der furchtbar scheitert.

Zu Beginn der Geschichte ist er ein stiller Mann, der mit seiner Umwelt freundlich, aufmerksam und sozial umgeht. Obwohl er umgeben ist von einer Atmosphäre von latenter und direkter Gewalt, von Korruption und Willkür, von tief sitzendem Misstrauen und Freudlosigkeit, versucht er sich selbst treu zu bleiben. Angegriffen, zum geistigen Krüppel geschlagen, stumm und wehrlos, bricht er noch einmal aus und reagiert, wie er es erlebt hat. Er wird zum Amokläufer und bringt Schuldige wie Unschuldige um, ehe er wieder in den Dämmerzustand seiner Träume versinkt.

Dieser Film ist wie ein nicht endender Albtraum.

Der Autor spielt virtuos mit verschiedenen Erzählmitteln: der distanzierten Beobachtung, der dramatischen Zuspitzung, der romantischen Märchen- oder Traumwelt, in die aber die Realität immer wieder einbricht, mit Originalmusik, die aus den Autoradios klingt- immer Gefangenenlieder, Lagerlieder, Kriegslieder. Die Rückblenden und die Exposition erzählen hart und genau woher dies kommt - das allen innewohnende Entsetzen, die Unfähigkeit zwischen Schuld und Unschuld zu unterscheiden, der schlampige, dumpfe Umgang mit sich selbst, der mitleidlose Umgang mit den anderen. Es ist als sei das Land nie aus seinem Kriegszustand herausgekommen.

Durchkommen ist alles. Nichts ist verlässlich, überall schwankender Boden.

Diese Geschichte ist erbarmungslos und sehr eigen.

Einmal bricht der Autor aus seiner Erzählweise aus. Alle Geschichten sind mit Georgi verbunden oder gehen von ihm aus. Allein die Schatun -Story scheint eine Imponterabilie zu sein, ein von der Geschichte fortführendes Element. Zu prüfen ist, ob dieser völlig "sinnlose" Gewaltakt für die Story wesentlich ist oder nicht. Schatun ist das Böse schlechthin, durch keine Assoziation gestützt und deshalb fremd in der Erzählart des Autors, aber natürlich in jeder Gesellschaft vorhanden.

Abgesehen von dieser Frage, ist das Manuskript in sich zwingend und auf beklemmende Weise spannend.

Das Filmvorhaben wird nachdrücklich empfohlen.

[ Tamara Trampe ]