IM NEBEL
[Nach einer Erzählung von Vassilij Bykow]
1. Natur/ Wald/ Tag (später Herbst)
An einem kalten, matschigen Tag im Spätherbst ritten 2 Partisanen einen Waldpfad entlang.
Burow (35) ritt als Erster. Mit energischem, strengem Gesicht. Sein Blick ist starr. Dreitagebart. Er trägt einen Soldatenmantel.Um die Hüften einen Gürtel. Karabiner, Revolver.
Vojtik (25) ritt dahinter.Ein mageres unrasiertes Gesicht. Die schwarze Schirmmütze verdeckt fast die wandernden Augen. Trägt einen langen Herrenmantel aus hausgewebtem Tuch.Gürtel. Gewehr «Dragunka» über der Schulter.
Sie ritten langsam, manchmal wichen sie nassen Zweigen aus.
2. Natur/ Waldrand/ Abend
Im Wald wurde es schon dunkel.
Der feuchte Kiefernwald wurde vom kalten Nebel und früher Dämmerung schnell verschluckt.
Auf dem Feld, hinter schmutzigem Kies war es noch hell.
Böiger Wind schlug ins Gesicht der Reiter.
Sie hielten an.
Burow schaute sich gewohnheitsmäßig um, schätzte ab, wohin es sie verschlagen hatte, und wohin sie jetzt am besten weiter vorrückten. Er sah hinterm Feld weitverzweigte Kronen der alten Bäume an der Bahnstation, einige Hütten mit Gärten, Heuhaufen, Ställe und Scheunen. Weiter unten am Fluss, am Ende der Gemüsegärten hinterm Gebüsch hob sich schwarz und verwaist eine Banja ab.
Burow wendete die junge Stute in Richtung der Banja.
BUROW
Dort hab ich es gesehn! Wir sind da.
Vojtik verzog keine Mine, über seiner feuchten Schulter hing schief der Gewehrlauf der „Dragunka“
Auf seinem unrasierten Gesicht spiegelte sich nichts, außer Erschöpfung wieder.
VOJTIK
Ich sehe..
BUROW
Bleiben wir ein bisschen. Wenn es dunkel ist – gehen wir.
VOJTIK
Ist dort der Fluss …? Das Moor…?
BUROW
Ach, wir kommen schon irgendwie rüber.
VOJTIK
Gut- Irgendwie…
Ohne vom Sattel zu steigen, versteckten sie sich im nackten Erlenwald.
3. Natur/ Wald/ Abend
Zu Pferde, ohne vom Sattel zu springen, standen sie in den Büschen des Erlenwaldes und warteten auf die Dunkelheit.
VOJTIK
Denkst du, er wartet auf uns?
BUROW
Vielleicht wartet er auch nicht.
VOJTIK
Hat sich lange davon gemacht. Vielleicht zur Polizei.
BUROW
Schaun wir mal.. Und sonst- legen wir uns in den Hinterhalt.
Burow ärgerte das Gespräch.
Allmählich wurde es dunkel. Langsam und lustlos.
Im Feld war es noch hell, aber die Gebäude der Bahnstation auf der anderen Seite des Flusses wurden immer mehr von der grauen Dämmerung eingehüllt.
4. Natur/ Feld/ Abend
Die Pferde liefen durchs Feld, laut schmatzten ihre Hufe in der vom Regen aufgeweichten Furche.
Burow trieb die Stute nicht an, sie lief, wie sie wollte, müde klebten ihre Hufe im Schmutz.
Burow starrte mit angestrengtem Blick zu einem Busch am Fluss, dorthin, wo einmal Mauerwerk war.
5. Natur/ Flussufer/ Abend
Der Fluss war nicht breit, mit steilen, vom Hochwasser unterhöhlten Ufern und Mauerwerk – mit zwei hingeworfenen fauligen Brettern.
Burow sprang von der Stute.
Zog die Zügel an.
Sich widersetzend schwenkte die Stute den Kopf und bewegte unentschlossen die Vorderbeine. Er zog die Zügel stärker an und stieg selbst unentschlossen auf das unter Wasser befindliche Ende vom Mauerwerk.
Endlich lief die Stute vorsichtig das Ufer hinunter und warf sich plötzlich verzweifelt ins Wasser..
Die Mauer gab den Beinen verräterisch nach, sie ging fast bis auf den Grund ins Wasser.
Burow ließ die Stute los, Wasser spritzte, erschrocken sprang die Stute ans andere Ufer und blieb stehen.
Burow stieg langsam aus dem Fluss.
Hinter ihm, nicht vom Pferd steigend,wartete Vojtik auf etwas.
BUROW
Warum sitzt du oben? Na los zu Pferde. Hier ist es nicht tief.
Vojtik kam erfolgreicher ans andere Ufer und sprang vom Pferd.
Auf einem Bein stehend zog Burow den Stiefel aus, goss Wasser heraus und wrang den feuchten löchrigen Fußlappen.
BUROW
Das hätte uns gerade noch gefehlt, Scheiße.
6. Natur/ Neben einem Gehöft/ Später Abend
Vorn etwas seitlich am Flussufer lag die von Zeit und Rauch geschwärzte schiefe Banja
Aus der Banja zog Rauch.
Sie näherten sich der Banja von der abgelegenen Flussseite. Blieben stehen. Lauschten.
Die schiefe Tür war sorgfältig mit einem Pfahl verschlossen.
Die Hütte und einige Gebäude auf dem Hof hoben sich in der Ferne schwarz ab.
Burow war entschlossen.
BUROW
Los den Pfad dort entlang. Dort ist seine Hütte.
7. Natur/ Hof/ Später Abend
Sie führten die Pferde am Zügel und kamen schnell zu einer Holzspaltmaschine, wo frisch aus dem Wald beschaffte Birkenrundhölzer auf einem unordentlichen Haufen neben dem Garten lagen.
Daneben auf der Erde stand ein alter Trog, irgendwelche Eimer lagen herum, an die alte Wand gelehnt standen Rechen und Heugabeln
Burow, horchte auf und gab Vojtik die Zügel.
BUROW
Bleib hier stehen und warte. Wenn was ist, schieße ich.
VOJTIK
Nicht lange, damit...
BUROW
Nicht lange, nicht lange...
Burow nahm den Karabiner vom Rücken und gab ihn ebenfalls dem Partner.
Er bemühte sich leise aufzutreten, er ging durch den schmutzigen Hof zur Tür in die Diele.
Behutsam öffnete er sie und lauschte.
8. Interieur/ Diele/ Später Abend
Aus der Hütte schien kein Laut zu dringen..
Nur irgendwo hinter dem Bretterverschlag war das Grunzen eines Schweins zu hören.
Burow schritt über die Schwelle und begann leise hinter sich die Tür zu schließen.
Aber in dem Moment wurde die Tür der Hütte aufgerissen.
Ein hochgewachsener Mann in einer schwarzen Wattejacke, barhäuptig, mit finsterem frischrasierten Gesicht, stand scheu im Halbdunkel.
Sutschenja(37) Ein rundes, naives, irgendwie kindliches Gesicht. Helle, zerzauste Haare. Blaue Augen. Hochgewachsen, breitschultrig. Manchmal mit ungelenken Bewegungen. In einer schwarzen Wattejacke.
Burow erkannte ihn und sprach gefasst aus der Diele.
BUROW
Darf ich rein?
Das finstere Gesicht verfinsterte sich noch mehr.
Langsam öffnete er die Tür etwas breiter.
9. Interieur/ Hütte/ Später Abend
Burow schritt über die Schwelle.
BUROW
Guten Tag.
Aber er bekam keine Antwort.
Es schien, dass niemand weiter in der Hütte war.
In der Tischecke qualmte stinkend eine Petroliumfunzel
Hinter der geschlossenen Tür flackerte brennendes Holz.
Im flackernden Licht erschien auf einmal von irgendwoher ein Junge. Und starrte Burow an.
Grischa (4) Ein Junge, mit verwundertem, ja beinah begeistertem Blick, mit weit aufgerissenen Augen.
In den Händen hielt er ein grob geschnitztes Spielzeug, das er dem Gast sofort entgegenstreckte.
GRISCHA
Hier, ein Pferd! Hat Papa mir gemacht.
In dieser wahrhaftigen kindlichen Geste lag soviel Zärtlichkeit und Vertrauen, dass Burow sich nicht beherrschen konnte, er nahm das Spielzeug und drehte es zerstreut in seiner Hand.
BUROW
Ein schönes Pferd.
GRISCHA
Papa hat mir auch einen Hund gemacht. Mit Schwanz.
BUROW
Mit Schwanz- das ist gut. Wie heißt du?
GRISCHA
Ich heiße Glyscha. Und Papa- Suszenja.
BUROW
Das heißt, du wirst Grigory Sutschenja.
Burow bedauerte schon, dass er das unnötige Gespräch mit dem Kind begonnen hatte.
Er wandte sich dem Hausherrn zu, der immer noch an der Schwelle stand.
BUROW
Na, wie geht’s?
SUTSCHENJA
Na, setz dich. Hab dich zuerst nicht erkannt. Hast dich verändert…
BUROW
So, du hast dich sicher auch verändert.
Burow setzte sich auf die Wandbank.
Da hinkte auch schon Grischa zu ihm und setzte sich vertrauensvoll auf seinen Schoß.
GRISCHA
Und Lenik hat Patronen. Die schießen....
BUROW
Sieh an! Patronen sind jetzt nichts für Kinder.
SUTSCHENJA
Das sind keine Patronen, Grischa. Hülsen hat er.
GRISCHA
Aha Hülsen.
Grischa steckte den kleinen Finger in den Mund und begann den Gast zu mustern.
BUROW
Ich will zu dir, Sutschenja.
Burow schob das Kind von sich.
Doch es schmiegte sich weiter an ihn.
GRISCHA
Und Kugeln hat er. Lenik.
Sutschenja nahm das Kind auf den Arm und trug es zum Bett.
BUROW
Und wo ist deine Frau?
SUTSCHENJA
Melkt die Kuh. Heute hab ich die Banja angeheizt, wir wollten uns waschen.
BUROW
Waschen - das ist gut.
Im Zimmer hing eine Pause. Burow schaute zu dem Jungen, dann zu Sutschenja und dachte, das man hier unmöglich schießen könnte – besser auf dem Hof, neben der Banja.
Sutschenja
Ich wusste, dass ihr kommt.
BUROW
Ja? Na gut. Das heißt, du verstehst deine Schuld.
SUTSCHENJA
Was soll ich hier verstehen. Ich habe keine Schuld.. Das ist der Haken an der Sache.
BUROW
Nicht?
SUTSCHENJA
Nein.
BUROW
Und die Jungs? Wen hat man denn aufgehängt?
SUTSCHENJA
Die Jungs wurden aufgehängt.
Sutschenja stimmte überein und ließ niedergeschlagen den Kopf hängen.
Hinter den Schultern tauchte wieder Grischa auf und näherte sich Burow zaghaft.
GRISCHA
Onkel, hast du einen Revolver?
BUROW
Nein. Was für einen Revolver?
GRISCHA
Und was ist das?
BUROW
Das ist nichts. Eine kleine Tasche.
GRISCHA
Aber wofür ist die Tasche?
Grischa drehte sich um.
In der Diele klappte die Tür, und in die Hütte kam, langsam die Schwelle überschreitend eine Frau mit Eimer.
Anelja (25) Ein schönes, leicht spitzes Geicht. Ein dunkles Wolltuch auf dem Kopf.
GRISCHA
Der Onkel hat einen Revolver. In der Tasche.
Im Gesicht der Hausherrin zitterte etwas. Sie bemerkte Burow.
ANELJA
Guten Tag.
BUROW
Guten Tag, Anelja!
Nach kurzem Schweigen setzte die Hausherrin den Eimer ab.
ANELJA
Man.... Man muss euch doch was zu essen machen. Ihr seid sicher hungrig?
BUROW
Keine Zeit, Anelja.
Aber Burow stand nicht auf.
Er zog seine feuchten Stiefel aus.
BUROW
Habt ihr ein paar Fußlappen für mich? Warme Schuhe.
Anelja ging hinter den Ofen.Sie zeriss dort etwas.
Und trug zwei weiche warme Läppchen hervor.
ANELJA
Und wie geht es deiner Mutter? Lebt sie noch?
BUROW
Mama lebt nicht mehr. Schon 3 Jahre..
ANELJA
Und deine Schwester Njura?
BUROW
Meine Schwester auch nicht mehr. Man hat sie im Frühling am Leschitschansker Hain getötet..
Die Hausherrin stellt eine Schüssel Dampfkartoffeln auf den Tisch.
Burow verzog das Gesicht und schluckte.
Sutschenja ging hinter den Vorhang am Ofen und stellte eine
angefangene Flasche neben die Schüssel.
SUTSCHENJA
Also, setzen wir uns.
BUROW
Nein, ich möchte nicht.
SUTSCHENJA
Was denn, schade. Darf ich?
BUROW
Gut, aber nur kurz.
Sutschenja goss sich ein Glas ein und trank es mit einem Zug.
Und Anelja stürzte zu Burow..
ANELJA
Das ist doch nicht wahr! Haben wir etwa auf etwas gehofft oder gewartet! Wie sie ihn mir weggenommen haben, mein Herz krampfte sich zusammen, ich konnte eine Woche nicht schlafen. Ich hab mir die Augen ausgeweint. Gut, sie haben ihn entlassen, was sollen wir denn machen? War das etwa sein Wille? Er hat sich doch nicht gegen sie versündigt. Er hat sie doch verteidigt...
Und Anelja fing leise an zu weinen.
BUROW
Aber sie wurden gehängt! Und er wurde freigelassen? Wofür denn?
ANELJA
Wer kennt die denn, wofür?
BUROW
Nein. So läuft das nicht.
Sutschenja wankte bei diesen Worten vom Tisch zurück.
SUTSCHENJA
Schon gut, Anelja. Was gibt es zu sagen! Das ist Schicksal!
BUROW
Ja, gehen wir!
Burow erhob sich von der Bank.
ANELJA
Wohin?
Anelja schluchzte leise, presste die Hände an den Mund.
Am Ofen spielte Grischa mit seinem Pferd.
10. Natur/ Hof/ Nacht
Sie verließen die Hütte.
Sutschenja ging vorn, Burow hinter ihm.
Auf dem Hof dämmerte es bereits. Ein kalter Wind blies. Kein Regen.
Sutschenja schritt breit die Treppe hinunter und blieb auf dem dreckigen Hof stehen.
SUTSCHENJA
Wohin?
BUROW
Dahin, dahin.
Burow zeigte in Richtung der Holzspaltmaschine.
SUTSCHENJA
Soll ich die Schaufel mitnehmen?
BUROW
Ja..
Sutschenja nahm verschiedene Stöcke und zog unter ihnen eine Schaufel hervor.
BUROW
Du verstehst ja selbst… Wenn du andere verraten hast. /er sagte das leise als wolle er sich entschuldigen/.
Sutschenja drehte sich jäh zu ihm um.
SUTSCHENJA
Ich hab niemanden verraten!
BUROW
Und wer wars dann?
SUTSCHENJA
Ich weiß nicht!
BUROW
Aber dich haben sie doch freigelassen!
SUTSCHENJA
Ja, die Idioten! Besser hätten sie mich mit aufgehängt.
Sie gingen eilig um den Holzhaufen auf dem Hof und schwenkten zum Holzklotz, wo im Nebel die zwei Pferde stampften , daneben stampfte der frierende Vojtik.
Schnellen Schrittes gingen sie zur Banja. Vojtik voran. Burow dahinter. Zwischen ihnen, die Schaufel in der Hand, ging Sutschenja.
11. Natur/ Flussufer/ Nacht
Sie gingen runter zum Fluss.. Jetzt war es leichter den Fluss zu überwinden. Vojtik und Burow zu Pferde.
Sutschenja reichte das Wasser bis zur Hüfte.
Am anderen Ufer gab es eine Verzögerung, Sutschenja verstand sie auf seine Weise.
SUTSCHENJA
Was denkt ihr, Brüder! Das Ufer wird im Frühling überschwemmt. Hier gibt es Torf.
BUROW
Ach, du wolltest Sand?
SUTSCHENJA
Na wenigstens Sand! Das ist besser, verstehst du selbst. Ihr müsst doch dann auch selbst...
BUROW
Sand?... Na gut, weiter gehts. Im Kiefernwald – dort ist Sand.
12. Natur/ Feld/ Nacht
Im Feld war es dunkel und sehr windig.Unten, auf dem schwarzen schlammigen Acker konnte man nichts sehen. Nur neben dem Feld, vor dem düsteren wolkenbedeckten Himmel hoben sich matt die Zweige vom Gebüsch ab. In der Ferne, hinterm Feld stand als hohe schwarze Wand der Nadelwald.
Sie patschten lange durch Dreck, bis sie zu Stoppeln vordrangen, wo es etwas trockener wurde.
13. Natur/ Waldrand/ Nacht
Am Waldrand ritten sie über leeren Kies.
Burow sprang von der Stute.
BUROW
Hier ist irgendwo ein Hügel. Na los. Du gehst vor.
Sutschenja ging schweigend voran.
Im Wald war es nass und kalt. Von den Zweigen fielen kalte Tropfen. Nasse Zweige verfingen sich manchmal in der Mütze, an den Schultern und Burow schaffte es kaum ihnen auszuweichen.
Sie stiegen auf den abgerundeten Hügel und blieben stehen.
Überall war es still und dunkel. Um den Hang standen schwarz Kiefern und lichte Wacholderzweige, irgendwelche unklaren Flecken.
BUROW
Na. Ist das ein Plätzchen? Für jeden Fall!
SUTSCHENJA
Fall!.. Wenn man mir das damals gesagt hätte…
Gebückt stand er auf dem Hügel, atmete erschöpft, seine ganze Erscheinung zeugte von einer Ungerechtigkeit, die da gerade passierte.
Burow sah dass, er um seine Rolle in dieser Geschichte nicht zu beneiden war und fühlte sich unbehaglich.
BUROW
Natürlich, alles kommt vor. In so einem Krieg.
SUTSCHENJA
Aber das ist doch Wahnsinn.
BUROW
Sei still!
Burow drehte sich zu Vojtik um, der stand schweigend etwas niedriger am Hang des Hügels
BUROW
Vojtik, halt dort Wache, am Weg. Wir kommen erst mal zurecht.
Vojtik nahm das Pferd beim Zügel und ging schweigend zum Waldrand hinunter.
14. Natur/ Gebüsch am Wegrand/ Nacht
Das Pferd am Zügel, kletterte Vojtik vom Hang, zwängte sich durch dichtes Gebüsch am Weg und geriet in Kiesnähe. Dort am Graben wuchs noch spätes Gras, das hungrige Pferd steckte sogleich sein Maul hinein. Vojtik legte das Gewehr auf die Schulter, lehnte sich mit dem Rücken an den knorrigen Stamm einer Kiefer, die dicht am Wege stand. Es war kalt. Vom Feld blies ein durchdringender Wind. Hinterm Feld an der Bahnstation begannen Hunde zu bellen. Irgendwo schimmerte kurz ein Licht. Wahrscheinlich aus aufgesperrten Türen. Vojtik schluckte. Er drehte sich weg vom Wind, stellte den Schafskragen seines Mantels auf, zog die Mütze tiefer, lehnte sich an die Kiefer und schloss die Augen.
15. Natur/ Waldrand/ Nacht
Schweigend, mit großer Beharrlichkeit begann Sutschenja, sich eine Grube zu graben. Er warf Moos zur Seite, stieß er auf harte Wurzeln und warf sie zusammen mit weißem Sand nach oben.
SUTSCHENJA
Sag es wenigstens nicht Anelja.
BUROW
Was soll ich nicht sagen?
SUTSCHENJA
Dass du geschossen hast. Sag, dass die Deutschen mich getötet haben. Dann später wird es natürlich rauskommen.
BUROW
Man wird es dort sehen.
Auf dem Hügel wuchs schon ein frischer Sandhaufen. Sutschenja stand bis zu den Knien in der Erde.
BUROW
Nun, vielleicht reicht das? Man muss dann viel vergraben
SUTSCHENJA
Aha, du wirst schon graben, ich bitte dich. Die Wattejacke... Die Wattejacke muss an Anelja übergeben werden.
BUROW
Die Wattejacke, gib her. Ich übergebe sie irgendwie.
SUTSCHENJA
Aha. Eine gute Wattejacke. Wann wird sie das verwinden? Eine Witwe.
Er blieb auf der Seite der Schaufel, zog die Wattejacke aus und warf sie Burow vor die Füße.
Er nahm sie. Klopfte den Sand ab. Trat zur Seite. Drehte sich um. Plötzlich beunruhigte ihn ein nahes Rascheln neben dem Weg.
BUROW
Bist du das Vojtik?
Niemand antwortete aus dem Gebüsch. Dann knackte dort etwas klar und verdächtig. Burow kauerte sich hin.
BUROW
Halte! Stehen bleiben!! /schrie er gepresst/
Als Burow gerade den Karabiner anlegte um zu schießen, gingen von der Seite gleichzeitig drei Schüsse los. Kugeln schwirrten, er wurde von Nadeln und Sand überschüttet. Burow schoss zweimal und fiel stöhnend zu Boden, umgeworfen von einem stechenden Schmerz in der Seite.
Während des Schnellfeuers rutschte Sutschenja den Hang herunter. Er sprang zuerst von der Wegkante, rannte dann durchs Gebüsch tief in den Wald, fiel fast zu Boden, als er an einer Wurzel hängen blieb, seine Kleider zerissen im Gebüsch, er sprang an den Rand des Sumpfes, unter ihm weiches nachgiebiges Moos.
16. Natur/ Wald/ Nacht
Sutschenja rannte lange, bis ihn am Ende die Kräfte verließen. Dann ging er im Schritt weiter.
Die Schüsse hatten aufgehört. Wieder herrschte eine Waldesstille, nur die Kiefern rauschten schläfrig.
Er ging leiser und behutsamer, um nicht an herumhängende Zweige zu stoßen, er drehte sich um und lauschte.
Es wurde kalt. Er schleppte sich lange und fast blind durch den lichten Kiefernwald, bis er am Rand einer alten Schonung anhielt, dicht mit Himbeeren bewachsen. Seine Ohren vernahmen konzentriert jedes Geräusch im Wald. Aber außer dem Rauschen der Bäume in der Nacht war nirgendwo etwas zu hören.
Er dachte einwenig nach, drehte sich um , zwängte sich aus dem Gestrüpp, zögerte er ein wenig und machte sich dann auf den Rückweg, zu diesem verfluchten Platz.
17. Natur/ Wald/ Nacht
Vorsichtigen Schrittes wich Sutschenja dem Hügel aus und ging zum feuchten sumpfigen Ufer mit dem kärglichen Erlenwald. Es war still um ihn, das laute Knacken der Zweige unter seinem Stiefel erschreckte ihn.
Er machte ein paar Schritte zurück, schließlich ging er langsam in die Mulde mit Weidengebüsch und Erlen.
Rechterhand begann ein lichter junger Kiefernwald.
Er streckte im Dunkeln die Hand aus, schleppte sich blind am Rande des Kiefernwaldes vorbei. Er bückte sich vor den kalten nassen Zweigen und hielt die Mütze auf seinem Kopf fest.
Plötzlich hörte er neben dem gewöhnlichen Waldesrauschen ein neues unverständliches Geräusch. Als ob eine Waldtaube schläfrig irgendwo gurrte und verstummte.
Sutschenja wartete ab und horchte. Das Taubengurren wurde lauter. Sutschenja machte ein Paar Schritte. Er hielt an. Horchte. Blickte sich um. Es war immer noch dunkel, aber seine Augen hatten sich schon an die Dunkelheit gewöhnt und unterschieden im Gebüsch eine kaum bemerkbare helle Erhebung. Er ließ sich daneben auf die Knie sinken, er tastete mit den Händen und stieß gleich auf einen Gewehrschaft im Gras. Er fühlte einen hingeworfenen Mantel und einen seitwärts ausgestreckten Arm.
Sutschenjas Hände befühlten fieberhaft einen Körper, er begriff dass es Burow war, dass er noch lebte und bewusstlos dalag.
Burow stöhnte leise.
Sutschenja drehte ihn, betastete seine Hüfte, zupfte ihn am Ärmel.
SUTSCHENJA
Äh, lebst du? Wohin hat man dich, äh?
Burow schwieg weiter und stöhnte leise und gepresst.
Sutschenja bückte sich, hob Burows schweren Körper auf, nahm das Gewehr aus dem Gras , und stützte sich darauf, wie auf einen Stock um auf die Beine zu kommen.
18. Natur/ Wald/ Nacht
Sutschenja kämpfte sich aus dem Dickicht an einen freieren Platz. Dort richtete er sich ein wenig auf und umfasste den Verwundeten bequemer. Dieser flüsterte ihm angestrengt ins Ohr..
BUROW
Vojtik, du?
Sutschenja schwieg.
Er trug den Verletzten mit herunter hängendem Kopf, er drückte sein Kinn an die Brust. Er war völlig durchgeschwitzt. Die Arme schliefen ein. Dann versagten ihm die Beine den Dienst. Um nicht zu fallen, ging er langsam in die Knie und ließ Burow behutsam herunterrollen..
Krampfhaft nach kalter Luft schnappend, streckte er sich neben Burow aus.Aber, kaum hatte er eine Minute gelegen, erhob er sich und lauschte dem unaufhörlichen Rauschen des Waldes.
Neben ihm bewegte sich der Verwundtete.
SUTSCHENJA
Was? Was möchtest du?
BUROW
Wohin? Wohin trägst du mich?
SUTSCHENJA
Das weiß ich selbst nicht.
BUROW
Vojtik?
SUTSCHENJA
Nicht Vojtik – ich bin Sutschenja.
BUROW
Mich haben sie gut...angeschossen?
SUTSCHENJA
Weiß der Teufel... Aber angeschossen.
BUROW
Und dich hab ich nicht geschafft...
SUTSCHENJA
Nicht geschafft. Gibt’s denn so was? Sie sind ja ganz plötzlich gekommen.
Burow öffnete unter Qualen die Lider.
BUROW
Bring mich nach Subrowka. In Subrowka wird man mich.. Dort fragst du nach Kijenja.
SUTSCHENJA
Kijenja? Gut.
Sutschenja schwieg. Dann berührte er Burow leicht am Bein, er befürchtete, dass dieser wieder bewusstlos würde.
SUTSCHENJA
Hör zu... Wie fühlst du dich? Vielleicht schaffen wir es bis Babitschij? Und dort nehmen wir ein Fuhrwerk.
Burow schlug die Augen auf.
BUROW
Wo ist Vojtik?
SUTSCHENJA
Weiß der Teufel. Vielleicht ist er tot.
19. Natur/ Gebüsch am Weg/ Nacht
Als Vojtik die Augen öffnete, hörte er in der Nähe Stimmen.
Auf dem Weg, dort, wo das Pferd weidete, hoben sich schwarz zwei Fuhrwerke ab. Schweigend sprangen Leute runter. Sechs Leute, die sich heimlich hinters Gebüsch am Waldrand warfen. Einer stakste durch das Steppengras und kam ganz dicht vorbei. Vojtik folgte ihm mit besessenem Blick.
Vom Hang wurden einige Worte hinüber getragen – das war Burow, der ruhig mit Sutschenja sprach.
Er kam nach minutenlanger Verwirrung zu sich, stürmte hinter eine Kiefer und rannte dann den Waldrand entlang. Hinter ihm waren Schreie und die ersten Schüsse dröhnten.
Vojtik rannte, zur Erde gebückt, seine Füße knickten trockenes Steppengras. Dann begriff er, dass man nicht ihm hinterher schoss und ging aufrechter. Die Schüsse verstummten.
In der Mulde neben dem Erlenmoor verlangsamte er müde seinen Schritt. Er hielt an und horchte, niemand schien in der Nähe. Er stand nachdenklich und lauschte dem Rauschen des Waldes. Vojtik wurde mutiger und ging langsam den mit trockenem Gras bewachsenen Weg entlang. Dann ging er zum Waldrand, in die Nähe der Kiefer wo er auf Burow gewartet hatte. Die Fuhrwerke waren schon weg. Die Pferde waren auch weg. Auf der Bahnstation in der Ferne war alles ruhig. Es begann leicht zu regnen
Vojtik bog in den Waldweg ein. Er lief schnell und wurde dabei warm.
20. Natur/ Waldpfad/ Früher Morgen
Es wurde langsam hell. Die nächtliche Finsternis hob sich allmählich von der Erde ab, sie blieb in den Kiefernzweigen hängen. Als würde sie verdampfen, lichtete sich die nächtliche Finsternis.
Vojtik ging leise den Waldpfad entlang. Sei scharfes Gehör nahm jeden verdächtigen Laut auf. Das war das Knistern der Zweige unter seinen Füßen. Vojtik verbarg sich neben einer jungen Kiefer, das Gewehr im Anschlag.
Er schaute ins Unterholz und konnte unter den Kiefern einen seltsamen sperrigen Schatten ausmachen. Der Schatten bewegte sich zielstrebig und geradeaus, dann erstarrte er, schaute sich taumelnd um, ging dann zügig weiter.
VOJTIK
Burow?! /er rief ihn leise/
Der Schatten blieb stehen und röchelte, ohne seine Bürde abzuwerfen.
SUTSCHENJA
Genosse Vojtik.
Das Gewehr im Anschlag ging Vojtik an Kiefern vorbei dem anderen entgegen.
VOJTIK
Was ist mit Burow?
SUTSCHENJA
Ja, hier...er ist verletzt.
VOJTIK
Hast Scheiße gebaut!
Sutschenja legte Burow auf die Erde und beide beugten sich über ihn.
Burows Gesicht war blass. Er zitterte…
21. Natur/ Staubiger Weg/ Sonniger Sommertag
Er zitterte. Er hielt sich gerade so mit den Händen am Führerhaus seines Lastwagens fest. Der Laster rollte zielstrebig den Weg zum See hinunter. Dorthin, wo es eine Brücke gab, einen Zufluss in einen kleineren See. Aber die Brücke war auf völlig unverständliche Weise verschwunden. Der Laster wurde schneller. Burow konnte nicht in die Fahrerkabine gelangen um ihn anzuhalten.
Burow schrie, aber er hörte seinen Schrei nicht, wahrscheinlich hörte niemand seinen Schrei, obwohl neben ihm Leute auf dem Weg waren. Alle steckten in einer unbekannten braunen Uniform. Sie schauten ihn teilnahmslos an. Und niemand versuchte ihm zu helfen.
Und Wolken zogen vorbei…
22. Natur/ Morgen/ Burows Hütte/ Früher Herbst
Burow erwachte im kalten Schweiß.
Man hört das ferne Brummen eines Motors. Das Brummen kommt näher.
Burow erhob sich und ging zum Fenster..
An die Scheunenwand ist eine Treppe gebaut. Burow kletterte gewandt aufs Dach.. Er drückte sich ans Dach. Beobachtet.
Vom Dach aus konnte man über den Garten die Nachbarstraße sehen.
Von der Straße nähert sich ein Lastwagen.
Das Auto hielt bei der Hütte. Zwei Polizisten stiegen aus. Einer von ihnen – Mikitenok, ein Nachbar und alter Feind von Burow. Die Polizisten betraten die Hütte.
Burow kletterte vom Scheunendach und ging in die Scheune.
Er nahm vom Nagel an der Wand den am Draht hängenden квач????, eine Schachtel Streichhölzer.
Er kletterte über den Nachbarszaun. Rannte um die Scheune. Schaute hinter der Ecke auf die Straße.
Zwei Polizisten rauchten neben dem Eingang. Mikitenok rannte aus der Hütte. Sie setzten sich ins Auto und fuhren los.
Burow beobachtete sie aus der Ecke.
Aber ohne Ärger und Bedauern.
Hinter seinem Rücken vernahm er eine Stimme.
STIMME
Na, Sehnsucht nach dem Auto gehabt?
Burow drehte sich um.
Hinter seinem Rücken, zwei Meter entfernt stand sein Nachbar – Polizist.
Burow antwortete nicht.
NACHBAR
Du bist genug mit dem Auto gefahren, Kolja. Kannst du das alles nicht vergessen?...
Tritt bei uns ein. Und du wirst mit deinem Auto fahren... und Speck essen.
Der Nachbar lächelte boshaft, durchbohrte Burow mit Blicken.
Von Ferne klang Gebrüll und Hundegebell heran. Beide drehten sich um.
Auf der staubigen Straße sprang ihnen ein wilder Schäferhund mit heraushängender Zunge und Schaum vor der Schnauze entgegen.
23. Natur/ Hof von Burows Haus/ Später Herbst/ Abend
Burow sitzt bei seiner Hütte..
Man hört ein fernes Motorenbrummen. Es kommt näher
Burow steht auf und geht zur Scheune.
An der Scheunenwand steht eine Leiter. Burow klettert geschickt aufs Dach.
Vom dach aus kann man über den Garten hinweg die Nachbarstraße sehen.
Der gleiche Lastwagen nähert sich.
Das Auto hält an der Hütte. Zwei Polizisten springen aus der Fahrerkabine.
Die Polizisten trugen zwei Kisten und betraten die Hütte.
Burow lag auf dem Scheunendach und beobachtete sie.
Zwei Polizisten rauchten neben dem Eingang. Mikitenok rannte aus der Hütte. Sie setzten sich ins Auto und fuhren los.
24. Interieur/ Burows Hütte/ Winter/ Abend
Beim Licht der Ölfunzel saß Burow am Tisch und aß Abendbrot. Auf dem Tisch stand ein Teller mit gekochten Kartoffeln. Burow schaute gewohnheitsmäßig aus dem Fenster, als plötzlich zwischen den Hofgebäuden ein Scheinwerferlicht blinkte.
Burow warf die angefangene Kartoffel auf den Tisch und rannte aus der Hütte.
25. Natur/ Hof - Straße/ Winter/ Abend
Burow überquerte den Hof. Er nahm in der Scheune квач und Streichhölzer и по und rannte um die verschneite Ecke in den Garten. Er kletterte über den ersten Zaun, über den zweiten und durch den Pfahlzaun schaute er auf die Straße.
Das Auto stand inmitten des Wegs neben Mikitenoks Hütte, in zwei Fenstern flimmerte das Licht der Ölfunzel.
Burow ging zum Auto..
Die verschneite Straße war von Dämmerung eingehüllt.
Der Tank war durch die Fahrerkabine verdeckt, niemand konnte ihn aus dem Fenster sehen.
Burow war schon an der Kabine. Er fuhr mit der Hand über die eiserne Kabine. Steckte die Hand nach dem Griff aus.
Dann drehte er mit ganzer Kraft am fest verschlossenen Deckel des Kanisters. Er zog aus der Luke квач и und zündete ein Streichholz an. Er war nervös, das erste Streichholz ging aus. Da nahm er mehrere.
Die Streichhölzer flammten gut auf. Eine schnelle Flamme leckte am Glas, stach ins Gesicht, fraß die Augenbrauen. Burow ließ den ???? Kvatsch???aus den Händen und warf sich an den Zaun.
Hinter ihm wirbelten Funken auf, die Straße wurde hell erleuchtet. Auf dem Schnee bewegte sich ein langer Schatten. Und Burow verbarg sich hinter der Ecke.
26. Natur/ Burows Hof/ Winter/ Nacht
Keuchend rannte Burow zu seinem Hof und blieb neben einem Holzstoß stehen.
Hinter den Gärten und Dächern rauchte ein qualmender Brand, man hörte Schreie.
Burow schaute und genoss das Schauspiel.
27. Interieur/ Burows Hütte/ Winter/ Nacht
Burow aß die auf dem Tisch zurückgelassenen Kartoffeln.
Nahm den gepackten Armeesack.
Löschte die Ölfunzel.
28. Natur/ Feld/ Winter/ Nacht.
Durch das verschneite Feld ging Burow in den Wald.
Der Mond verbarg sich hinter den Wolken.
Ein kleiner sich entfernender Punkt löste sich in der Dunkelheit auf.
29. Natur/ Wald/ Herbst/ Früher Morgen.
Die Dunkelheit löste sich auf, zwei Raben schaukelten auf einem Zweig Das war das erste, was Burow sah. Dann erschien der Kopf von Vojtik.
BUROW
Blödmann! Ich hab dich zum Beobachten geschickt? Und du!
VOJTIK
Und ich hab auch beobachtet. Was, bin ich schuld, dass sie von der anderen Seite kamen?
BUROW
Von der anderen...
Vojtik kniete und verband den blutigen Bauch Burows mit einem Lappen.
BUROW
Schöne Scheiße... Was hat man da angerichtet!
VOJTIK
Das hast du verzapft. Zum Teufel hätte man in den Kiefernwald kriechen müssen?!
BUROW
Was verstehst du? Wo ist Sutschenja?
VOJTIK
Da sitzt er.
BUROW
Lass Sutschenja in Ruhe!
Vojtik zuckte nur befremdet die Achseln.
VOJTIK
Mir egal... Aber was wird der Kommandeur sagen?
Burow antwortete darauf schon nicht mehr.
Nachdem Vojtik kurz gesessen hatte, schaute er sich beunruhigt um. Stand auf.
VOJTIK
Nun, und was weiter? Werden wir so dasitzen? Warten bis man uns jagt und schießt wie Kaninchen. Nun komm, wir nehmen ihn...
Sutschenja stand langsam auf und ging zum Verwundeten.
30. Natur/ Wald/ Herbst/ Morgen.
Es war schon ganz hell, von oben kam der graue dunstige Himmel zum Vorschein. Im Wind wiegten sich die Wipfel der Kiefern, die nackten Zweige der Birken. Der Wald wurde von schutzlosem herbstlichen Rauschen erfüllt. Phasenweise verstummte er.
Drum herum war es still und leer.
Sutschenja trug den Verwundeten auf dem Rücken. Vojtik trug dahinter den Verletzten an den Beinen. Es war unbequem ihn so zu tragen. Sie kamen langsam vorwärts.
Sutschenja blieb manchmal stehen und horchte auf den stockenden Atem auf seiner Schulter.
Lange schleppten sie sich so mit dem Verwundeten, dieser hing unbequem auf Sutschenjas Schulter. Vojtik hatte die Beine schon losgelassen. Und Sutschenja trug ihn allein. Solange die Schüsse in der Ferne hinter dem Wald sie nicht zum Stehen brachten. Vojtik fuhr auf.
VOJTIK
Wo ist das? In Babitschi?
SUTSCHENJA
Es kann auch in Babitschi sein.
Sie gingen wieder durch Kiefern hindurch, schon in die entgegengesetzte Richtung der Schüsse , sie lauschten wieder dem Rauschen des Waldes.
Der Boden war hier überall sandig, ohne Moos. Sie nahmen die Beine. Sutschenja blieb stehen und richtete den rutschenden Körper neu. Burow begann zu stöhnen.
Sie legten ihn vorsichtig auf die Erde.
BUROW
Ich bin am Ende. Tragt mich nicht weiter.
Sutschenja und Vojtik schwiegen. Ein Rabe krächzte. In der Ferne hörte man noch einen Schuss.
VOJTIK
Wir brauchen einen Wagen. Aber so, natürlich...
BUROW
Wo wird geschossen?
VOJTIK
Weiß der Teufel! Irgendwo auf der anderen Seite.
BUROW
In Babitschi?
VOJTIK
Vielleicht in Babitschi. Du bleibst liegen. Wir treiben einen Wagen auf, fahren dich.
BUROW
Auftreiben...
Burow wurde still. Sie saßen schweigend beiderseitig neben Burow und hörten angespannt auf die Geräusche im Wald.
Leise pfiffen die Kiefernzweige im Wind . In der Nähe begann eine Elster zu kreischen.
VOJTIK
Sutschenja, weißt du hier, wo was ist. Weißt du, wo das Dorf ist?
Sutschenja schaute besorgt in den Kiefernwald. Er wog in Gedanken ab.
SUTSCHENJA
So, Babitschi ist irgendwo dort. Hinter dem dichten Wald.
VOJTIK
Ist das dort, wo geschossen wurde?
SUTSCHENJA
Ja.
VOJTIK
Dann renn nach einem Wagen.
Sutschenja erhob sich, hielt inne, als wollte er zum Abschied etwas sagen. Noch bevor er gebückt im Kieferndickicht verschwand, hielt ihn Vojtik an.
VOJTIK
Nein, du warte hier. Ich gehe. Und du sitzt hier. Schiebst Wache.
Vojtik hob Burows Karabiner von der Erde auf, nahm das Gewehr in die Hand, griff nach dem Gürtel mit der Revolvertasche und war schon ins Dickicht getreten, als von hinten Burows Stimme ertönte.
BUROW
Die Granate...wo ist die Granate?
Vojtik schaute Sutschenja an.
SUTSCHENJA
Hab ich nicht mitgenommen. Vielleicht haben wir sie nachts verloren?
BUROW /zu Vojtik/
Gib meinen Revolver.
VOJTIK
Den Revolver? Hier, nimm, natürlich.
Er nahm aus der Revolvertasche den schwarzen Polizeirevolver,Vojtik legte ihn in Burows ausgestreckte Hand. Dieser schob den Revolver unter sich.
VOJTIK
Ich versuche schnell zurückzukommen. Wenn es nicht weit ist.
Er verschwand im Kiefernwald. In der Nähe raschelten und verstummte Nadelzweige.
Und alles verstummte um sie herum.
31. Natur/ Wald/ Herbst/ Dämmerung.
Die Dämmerung kroch heran.
Burow und Sutschenja waren immer noch im Kiefernwald.
Burow richtete sich einwenig auf und öffnete die Augen.
BUROW
So so. Und warum hab ich dich nicht in der Hütte erschossen? Hätte ich dich erschossen, wäre ich jetzt gesund und munter.
SUTSCHENJA
Na wie war es denn in der Hütte? Das Kind war doch dort.
BUROW
Ja, das Kind... Aber warum bist du nicht weggerannt, Sutschenja?
SUTSCHENJA
Wohin hätte ich denn rennen sollen?
BUROW
Und zu den Deutschen?
SUTSCHENJA
Bei den Deutschen war ich schon. Hier, schau!
Entschlossen zog er sein Hemd hoch, rollte es auf und zeigte Burow seinen nackten von blauen Narben gestreiften Rücken.
Mit halbgeschlossenen Augen sah Burow nur ein einziges Mal hin. Dann schlossen sich die Lider und er schwieg lange.
Sutschenja zog zerstreut einen Fetzen Gras heraus und warf ihn gleich wieder auf die Erde.
BUROW
Und du hast mich getragen?
SUTSCHENJA
Ja. Was sollte ich tun?
BUROW
Aber du hast doch... die Drei....verraten.
SUTSCHENJA
Ich habe niemand verraten.
BUROW
Aber warum hat man... dich nicht aufgehängt? Zusammen mit den anderen...
SUTSCHENJA
Wenn sie mich gehängt hätten, hätte ich Danke gesagt. Nein, sie haben mich freigelassen. Ich dachte, sie holen mich wieder. Haben sie nicht. Ich saß zwei Wochen zu Hause – wohin hätte ich gehen sollen? Jetzt begann ich ein bisschen zu verstehen, warum sie mich freigelassen haben... Ich habe ja auf der Strecke dreißig Jahre gearbeitet. Ja du weißt das sicher... Als die Deutschen kamen, musste ich aufhören. Aber da kam unser Stationschef, unser, Tereschkow. Er sagt, du musst arbeiten gehen, sonst erschießen dich die Deutschen. Was sollte ich tun, ich bin gegangen...
32. Natur/ An der Bahnstation/ Sommer/ Morgen
Den Damm entlang des Gleisbetts geht ein Mann in deutscher Uniform.
Er geht langsam, schaut starr auf die Gleise. Er schlägt sich beim Gehen ein Lineal an den Schenkel. Geht dicht an die Gleise. Bückt sich. Misst etwas ab. Geht weiter.
Vier Streckenarbeiter in Arbeitskleidung stellten sich entlang des Wegs auf. Stehen gerade. Schauen in Richtung des Manns mit dem Lineal.
Der Mann mit dem Lineal geht zu ihnen. Er geht langsam an jedem vorbei und schaut ihm starr in die Augen. Er bleibt neben Sutschenja stehen.
Er schaut ihn voller Hass und Vergnügen an, spielt mit dem Lineal.
Der Mann in Uniform – Jaroschewitsch.
Jaroschewitsch(37) Ergötzt sich an fremdem Schmerz. Schweinsaugen.
JAROSCHEWITSCH
Ein Millimeter.
Und plötzlich mit der Faust in Sutschenjas Gesicht. Dieser prallte zurück, blieb aber stehen. Blut ergoss sich.
Jaroschewitsch machte eine Pause. Und noch mal – zack, wieder ins Gesicht.
Drehte sich um. Ging .
33. Natur/ Gleisbett/ Sommer/ Tag
Vier Streckenarbeiter gehen mit ihrem Werkzeug das Gleisbett entlang. Unter ihnen Sutschenja.
Sie sind schon relativ weit von der Bahnstation entfernt.
Mischuk (21) Jung, heißblütig.
Toptschewsky (22) Freund von Mischuk. Ein windiger Typ.
Koroban (24) Ein Tolpatsch. Er ist wie die anderen.
MISCHUK
Also kommt, lösen wir ein Verbindungsglied und machen ein „Trara“ In der Kurve klappt es sicher.
TOPTSCHEWSKY
Das ist ein vernünftiger Gedanke!
SUTSCHENJA
Die Deutschen sind wohl Dummköpfe, denkt ihr? Kommen nicht drauf? Die Fuge ist doch gelöst, man wird es sofort sehen.
MISCHUK
Ach was glaubst du! Wenn der Zug entgleist, bleibt nichts heil.
TOPTSCHEWSKY
Erinnerst du dich, neben dem Lemeschewsker Kiosk, gab es vor einem Monat einen Unfall oder eine Sprengung. Furchtbares Hackfleisch aus allem.
Sie gingen schweigend weiter.
SUTSCHENJA
Macht das nicht.
MISCHUK
Ach, du hast dich erschreckt, klar! Erschreckt! Der Zug kommt nachts. Als wären wir nicht hier gewesen.
34. Natur/ Biegung im Gleisbett/ Sommer/ Nachmittag
Mischuk und Tobtschewskij standen um das für eine Sabotage bequemste Verbindungsglied. Daneben stand Koroban mit dem Werkzeug. Sutschenja stand weiter weg.
Koroban schaute abwechselnd zu .Sutschenja und zu Mitschuk.
MISCHUK/zu Koroban/
Nun geh uns zur Hand.
Dieser begann den anderen beim Trennen der Schienen zu helfen.
SUTSCHENJA
Macht das nicht.
Die Saboteure hoben die Köpfe. Sie schauten Sutschenja an. Und machten weiter.
35. Natur/ Gleisbett unweit der Bahnstation/ Sommer/ Abend
Vier Gleisarbeiter gehen das Gleisbett entlang. Vor sich schieben sie ein Wägelchen. Sie schweigen vor Anspannung.
36. Natur/ An der Bahnstation/ Sommer/ Abend
An der Bahnstation stehen einige Soldaten. Im Schatten liegt ein Hund. Am Zaun streunen Hühner herum.
Die Streckenarbeiter rollten ihr Wägelchen an der Station vorbei zum Schuppen. Als sie ihr Wägelchen in den Schuppen stellen wollten, hörten sie ein Krachen.
Alle vier erstarrten.
Mit wachsendem Dröhnen stürmte der Zug heran und durchfuhr ohne Halt die Station.
Jaroschewitsch tauchte auf. Er sah die vier und ging auf sie zu.
Alle vier erstarrten vor Erwartung. Vielleicht fährt er vorbei. Ist er wirklich vorbeigefahren?
Es krachte in der Ferne.
Jarotschewitsch blieb stehen. Er drehte sich um und rannte zum Stationsgebäude.
Die Hühner liefen auseinander. Der Hund schüttelte sich.
Schweißgebadet kam der Weichensteller angerannt.
Alle Vier ließen im selben Moment ihr Werkzeug fallen und liefen auseinander.
37. Interieur/ Arbeitszimmer/ Tag
Das Arbeitszimmer war gemütlich, hell. Die Fensterbretter zierten Blumen in Übertöpfen.
Grossmayer (25) Ein junger Mann in Uniformjacke mit Schulterstücken und einem ziemlich freundlichen Gesicht. Helle Augen. Feine Gesichtszüge. Künstlerisch. Spricht sauber Russisch.
Grossmaier saß in der Ecke am Tisch und sah auf die Zigarette in seinen Händen. Er hob die Augen zu Sutschenja.
GROSSMAYER /mitfühlend und verständnisvoll/
Also wer hat euch beauftragt die Eisenbahn zu zerstören?
Sutschenja blickte auf die dünne deutsche Zigarette in den langen beringten Fingern. Dann wurde er abgelenkt, erinnerte sich an die Frage.
SUTSCHENJA
Wir haben nichts zerstört. Wir wissen nichts.
GROSSMAYER
Wer hat es dann zerstört?
SUTSCHENJA
Ich hab nichts gesehen, ich weiß es nicht.
GROSSMAYER
Du weißt es nicht. Na dann macht, dass er sich erinnert.
Zwei Paar böse und starke Hände griffen Sutschenja. Stießen, zogen und schleppten ihn.
38. Interieur/ Keller/ Tag
Die Kellertür wurde geöffnet.
Der bewusstlos geschlagene Sutschenja wurde aufs nasse Stroh geworfen.
Die Kamera bewegt sich weiter durch den Keller und wir sehen noch drei geschundene Körper.
Ein Körper öffnet ein Auge. Schließt es.
Abblenden.
39. Abbruch des Dunkels/ Interieur/
Grossmayers Arbeitszimmer/ Tag
Ein lächelndes Gesicht. Grossmayer schaut und spricht mitleidsvoll.
GROSSMAYER
Setz dich. Lass uns offen reden, wie Freunde. Ich sehe, du bist ein positiver Mensch. Und wir holen dich hier raus. Morgen hängen wir alle anderen auf, aber dir schenken wir das Leben. Nur...
Sutschenja zuckte zusammen. Grossmayer bemerkte dies und machte eine Pause. Dann setzte er fort
GROSSMAYER
Ja, du wirst leben, nur... Aber du musst etwas unterschreiben, über unsere Zusammenarbeit.
SUTSCHENJA
Was für eine Zusammenarbeit?
GROSSMAYER
Geheim, ist doch klar. Mit den deutschen Mächten. Wir verhelfen dir zur Flucht. Du kehrst zu deinen Leuten zurück, zu denen, die dir den Sabotageauftrag gaben. Und wir bleiben mit dir im Kontakt. Geheim, ist ja klar.
Sutschenja schwieg eine Minute. Er schluckte krampfhaft.
SUTSCHENJA
Nein, wissen Sie... Ich kann nicht. Ich kann so was nicht.
Und da stockte er unter dem eisigen Blick seines Gesprächspartners.
GROSSMAYER
Was? Was? Was hast du gesagt?
SUTSCHENJA
Ich kann nicht.
GROSSMAYER
Bist du ein Idiot? Verzichtest darauf zu leben? Möchtest sterben?
SUTSCHENJA
Nein, natürlich nicht...
GROSSMAYER
Also bist du einverstanden! Wir machen alles korrekt. Die Bolschewiken werden davon keinen Wind bekommen.
SUTSCHENJA
Nein, ich kann nicht.
GROSSMAYER
Das heißt, du willst sterben! Morgen hängen wir dich auf. Aber denk noch mal nach. Bis morgen.
40. Interieur/ Keller/ Abend
Die Tür fiel zu.
Sutschenja, nach dem Verhör zerquält, ließ sich auf den Boden sinken.
SUTSCHENJA /leise ins Halbdunkel/
Morgen werden wir gehängt...Dumm das alles.
MISCHUK
Man hätte weiter weg gehen sollen.
SUTSCHENJA
Weiter weg ist das Dorf. Dann hätten sie die Dörfler genommen. Sie hätten so oder so jemanden mitgenommen.
KOROBAN /stöhnte/
Sollen sie uns ruhig hängen. Hauptsache sie schlagen uns nicht weiter.
41. Interieur/ Keller/ Morgen
Die Tür wurde aufgerissen.
POLIZEI
Rauskommen!
Als erster stand Sutschenja auf und ging nach draußen.
Der oberste Polizist schrie von draußen.
OBERSTER POLIZIST
Sutschenja soll bleiben!
SUTSCHENJA
Warum soll ich bleiben?
In der Öffnung erschien der oberste Polizist.
OBERSTER POLIZIST /grinsend/
Hat der Doktor gesagt.
Sutschenja ging weiter und die Faust des Polizisten warf ihn zurück in die Zelle.
Beim Rausgehen schaute Mischuk ihm ahnungsvoll in die Augen.
Alle gingen raus.
Die Tür schloss sich.
Sutschenja stand an der Wand. Er sammelte Kräfte und stieß den Kopf gegen die Wand.
Er verlor das Bewusstsein und rutschte langsam nach unten
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42. Aus dem Dunkel/ Interieur/ Grossmayers Arbeitszimmer/ Tag
Aus dem Nebel schwamm ein Zimmer mit Blumen und ein junger Mann mit feinen Gesichtszügen, in Uniformjacke. Das war Grossmayer. Er ging mit den Armen wedelnd im Zimmer herum.
GROSSMAYER
Ich dachte, du bist ein kluger Mann! Ein besonnener Weißrusse! Aber du bist ein Idiot, ein bolschewistischer Tölpel! Wolltest schön sterben? Damit man dich später verehrt. Auf Blättern über dich schreibt? Nein, daraus wird nichts! Ich verschaffe dir einen anderen Tod, bolschewistischer Bastard! Ich frage dich das letzte Mal: ja oder nein?
SUTSCHENJA
Nein, wissen Sie... ich kann nicht.
GROSSMAYER
Ach, du kannst nicht! Dann hau ab!
Er gab der Tür einen starken Fußtritt.
GROSSMAYER
Nun, geh!
Sutschenja schaute ihn erschrocken an, er versuchte zu verstehen, was das bedeutete. Dann ging er durchs Zimmer an Grossmayer vorbei, trat auf die Schwelle, wankelmütig, unsicher, streifte mit der Schulter den Türpfosten und ging raus auf die Treppe.
Der Wachposten griff gleich nach seinem Gewehr, aber als er hinten den Deutschen sah, ließ er das Gewehr wieder ans Bein sinken.
Sutschenja ging langsam weiter.
Der zweite Wachposten neben dem Tor, verstellte entschlossen den Weg, aber von hinten wurde laut «Durchlassen!» gerufen – und er ließ ihn durch, öffnete und schloss hinter ihm das Tor.
Sutschenja ging auf die Straße und in Erwartung einer Kugel im Rücken überquerte er sie. An der Ecke drehte er sich verwirrt um.
Neben dem Tor schaute ihm ruhig der Wachposten hinterher.
Und von der Treppe winkte ihm sein Peiniger, Grossmayer mit der Hand einfach so total freundschaftlich nach.
43. Natur/ Wald/ Nacht
Die Nacht hüllte den Wald ein.
Sutschenja saß neben Burow, leicht über ihn gebeugt.
SUTSCHENJA
Was hätte ich tun sollen? Ich habe sie damals schon beneidet, meine Streckenarbeiter: die Leute verehrten sie, die Kinder waren stolz auf sie. Ihren Familien halfen die Nachbarn. Und ich wurde gehasst. Und ich fühlte, dass sogar der mir liebste Mensch, meine Frau Anelja, mich auch anders anschaut als früher. Einmal fing sie an zu weinen und spricht: «Besser hätten sie dich dort gehängt». Ich begann darüber nachzudenken, ob ich mich nicht selbst aufhängen sollte. Aber wie sollte ich mich aufhängen? Die Leute sagen: das Gewissen hat ihn gequält, denn er ist ein Verräter. Wie soll ich denn leben? Kolja! Ach Kolja! Hörst du mich?
Mit böser Vorahnung bewegte sich Sutschenja unter einer hindurch Kiefer auf Burow zu.
Zog ihn am Ärmel. Aber Burow antwortete ihm nicht. Da berührte er ihn am hell bewachsenen Kinn.
SUTSCHENJA
Kolja, ah, Kolja!
Aber umsonst. Burow lag mit erkaltetem Gesicht und rührte sich nicht.
Ein Rabe bewegte faul die schweren Flügel, stürzte vom Wipfel der Kiefer. Er flog näher heran, und unbeholfen Gleichgewicht suchend, hielt er sich lange auf dem Zweig ganz dicht über der Waldwiese auf.
44. Natur/ Wald/ Tag
Vojtik schritt leicht durch den lichten Wald, er drehte sich ständig nach allen Seiten um, gewohnheitsmäßig und hellhörig lauschte er den herantosenden Wellen des Waldrauschens.
Zuerst ging er etwas durch die Schneise. Dann verließ er sie und ging seitwärts.
Auf seiner Schulter hing der Karabiner. In den Manteltaschen rasselten sechs Patronenstreifen.
Vojtik hatte es nicht eilig, weiß der Teufel wohin, nach dem Fuhrwerk zu rennen. Ins Dorf wollte er auf keinen Fall. Von außen sah es aus, als würde er ziellos durch den Wald spazieren.
Von der Schneise her zog sich alter und seltener Kiefernwald hin, er wurde plötzlich silbern und vor ihm wurde es hell. Bald kam Vojtik zum Waldrand.
Vor ihm dehnte sich ein weites Feld mit Weg und Telegrafenmasten.
Der Weg, der das Feld durchschnitt, verschwand im Wald. Doch man sah dort keine Bäume
Durch das Feld zu gehen, konnte sich Vojtik nicht entschließen. Er ging den Waldrand entlang, hielt einige Schritte vorm Waldsaum.
Der Wald war zu Ende. Verstreut standen am Hang einige dünne Fichten, das Unterholz war völlig verschwunden und man konnte weit durch den lichten Wald sehen.
Vojtik spürte Sumpf auf dem Weg. Durch den nackten Busch glänze trübe hochstehendes Wasser
Durch den Sumpf wollte Vojtik nicht gehen. Er stand da und dachte nach, dann ging er zurück.
Und plötzlich blieb er stehen, weil er etwas sah.
In der Ferne hinterm Feld, auf den Furchen schwankend, kroch ein Dutzend mit Zelttüchern bedeckter Autos.
Vor Schreck zog Vojtik den Kopf zwischen die Schultern und ließ sich auf alle Viere nieder. Er drückte sich nach unten und zog sich in den Wald zurück.
Im Wald richtete er sich auf und rannte tiefer hinein.
Er stieß bald auf einen von Maulwürfen umgewühlten Weg und bog dort ein. Anfangs führte der Pfad durch einen Erlenwald, dann stieß er auf einen breiten Waldbach, der voller Wasser stand.
Leicht schwankend machte Vojtik einen Schritt. Er überwand den Bach und sprang nassen Fußes ans andere Ufer.
Er setzte sich, zog die Schuhe aus und goss das Wasser heraus.
Er ging langsam.
Durch die Äste peitschte der Regen.
Der Pfad führte hinaus auf eine Waldlichtung von Tannen gesäumt.
Unter einigen Tannen standen zwei verlassene Laubhütten.
Vojtik schaute in eine hinein. Sie war leer. In der Ecke lag ein Armvoll schwärzlichen Heus.
Vojtik krabbelte in die Hütte und legte sich auf die Seite.
Hier war es trocken und fast gemütlich.
Leise rauschte der Regen.
Vojtik drehte sich auf die Seite, er drückte den Karabiner zwischen seine Beine und schlief ein.
45. Interieur/ Erdhütte/ Winter
Das Feuer prasselte in einem winzigen eisernen Ofen im Winkel der Erdhütte. Drei saßen über das Feuer gebeugt. Einer von ihnen war Vojtik.
Er hielt seine Hände ans Feuer. Rieb die eine an der anderen.
Er erhob sich. Er nahm den leeren Armeesack.
VOJTIK
Also, ich gehe.
Die beiden anderen drehten sich um.
Einer von ihnen sagte.
BEWOHNER DER ERDHUETTE
Vergiss nicht nach Tabak zu fragen. Er hat versprochen was zu geben.
VOJTIK
Vergess ich nicht.
Vojtik kroch aus der Erdhütte.
46. Natur/ Wald/ Winter/ Abend.
Vojtik kam aus der Erdhütte, die auf dem Hügel gehäufelt war.
Er bewegte sich auf dem Pfad in den Wald.
47. Natur/ Gehöft/ Winter/ Nacht.
Spät in der Nacht kam Vojtik zu einem einzeln stehenden Gehöft.
Er stand in der Nähe und horchte.
Es war still. Es schneite. Durch das Fenster der Hütte schien das Licht der Ölfunzel.
Vojtik ging zur Hütte.
Ging am Fenster vorbei.
Öffnete die Tür.
48. Interieur/ Hütte/ Abend
In der Hütte brannte eine Ölfunzel.
Ein schweigende Alte fuhrwerkte am Ofen herum.
Der rotbärtige Klimka saß am Tisch. Er richtete seine Kleidung.
Klimka (66) Auf einem Auge schielend, rotbärtig, im Hemd, in einer Weste mit Nadeln.
Über solche sagt man – roter Teufel.
VOJTIK
Guten Abend.
KLIMKA
Nun, Guten Abend.
Die Alte drehte sich um, schwieg aber.
Vojtik setzte sich an den Tisch. Nahm die Mütze ab.
Die Alte stellte ihm Kartoffeln hin. Dann brachte sie Milch.
Vojtik machte sich ans Essen.
VOJTIK
Wie geht es ihm? /er nickte in Richtung Ofen/
Auf dem Ofen lag fiebernd der Leutnant Fedja Swiridow.
KLIMKA
Er liegt. Ist ganz heiß.
Die Alte nahm den Armeesack und legte Kartoffeln hinein, und oben ein in Papier gewickeltes Stück Speck.
VOJTIK
Die Jungs dort haben nach Tabak gefragt...
Da begann der Leutnant zu stöhnen und Vojtik stockte.
Klimka beachtete das Stöhnen gar nicht. Er nähte weiter.
Vojtik war fertig mit Essen. Er legte sich auf die Bank und schloss die Augen.
49. Interieur/ Hütte/ Morgen
Als Vojtik erwachte, wurde es schon hell.
Er stand schnell auf. Nahm den Armeesack.
Er verließ die Hütte.
50. Natur/ Gehöft. Bei der Hütte/ Winter/ Morgen
Es war früher Winter. Über Nacht fiel der erste Schnee.
Vojtik ging entlang der Hütte auf den Feldweg.
51. Natur/ Feld/ Winter/ Morgen
Es wurde ganz hell.
Vojtik ging durch das Feld, die Aufregung ließ ihn einen Schritt zulegen.
Vorn im Gebüsch lag der Weg. Neben der Brücke musste man ihn überqueren und dann den Abhang entlang durch kleine Waldstücke bis zur Waldgrenze gehen.
Vojtik hatte es nicht mehr weit zum Gebüsch am Weg, als er vor sich Leute bemerkte. Sie waren zu dritt und hatten ihn im Feld entdeckt.
Er konnte sich nirgendwo verstecken. Vojtik sprang über den Graben, er ging näher ran und was er sah verdüsterte seine Stimmung..
Auf dem Weg standen drei Männer mit Gewehren, die auf ihn warteten.
ERSTER POLIZIST
Wohin?
Vojtik schwieg.
ERSTER POLIZIST
Woher?
Die beiden andren umfassten den Armeesack auf seinem Rücken. Dann zogen sie ihm die Tragegurte von den Schultern.
ZWEITER POLIZIST
Wo hast du das her?
VOJTIK
Ich weiß nicht... Ich bin zu einem gegangen... Bat ihn... Er gab es mir...
ERSTER POLIZIST
Und wo ist er?
VOJTIK
Ich weiß nicht...
Er stieß Vojtik das Gewehr in die Rippen.
ERSTER POLIZIST
Führe uns
Vojtik wandte sich zum verräterischen Pfad um. Seine Spuren sah man im Schnee. Er ging den Spuren nach zurück.
Vojtik ging voran. Die Polizisten gingen mürrisch und schweigend hinterher.
52. Natur/ Gehöft/ Winter/ Morgen
So gingen sie bis zu Klimkins Vorhof.
Die Polizisten gingen zur Tür. Die Tür war verschlossen. Der erste Polizist begann zu klopfen.
ERSTER POLIZIST
Mach auf! Schnell!
Als Antwort krachten drei Schüsse, sie mischten sich mit dem Geräusch von zerbrochenem Glas. Der erste Polizist fiel um.
Vojtik warf sich hinter eine Ecke. Er rannte um die Scheune.
Durchs Gebüsch rollte er kopfüber die Böschung hinunter in einen Graben.
Auf dem Gehöft wurde geschossen. Dann explodierten Granaten und das Gehöft versank im Staub.
Vojtik rannte durch den Graben bis er den Hang hochkletterte und in den Wald abbog.
53. Natur/ Wald/ Herbst/ Trüber Tag
Sutschenja saß verwirrt neben dem toten Burow.
Das verquälte Gesicht war dicht von hellen Pflanzen bedeckt.
Auf den zusammengepressten erkalteten Lippen lag ein Ausdruck von ungerechtfertigter Kränkung. An der blassen Stirn klebte eine braune Haarsträhne. Eine einsame Ameise lief flink auf die Stirn, neben der Strähne wurde sie langsamer, dann rutschte sie die Schläfe hinab ins Gras.
In der Nähe, im Nadelwald, wehte ein starker Wind.
Lange, mit Pausen schnatterte eine Elster.
Sutschenja wurde im Frost ohne Oberbekleidung steif. Er erhob sich. Behutsam zog der den schwarzen Revolver aus der Tasche, sie hing unter dem Mantel des Toten. Steckte ihn in seine Tasche.
Dann drängte er sich vorsichtig zwischen die Kiefern. Er kroch auf die Schneise.
Überall war es leer und still.
Leise bog er die Kiefernzweige auseinander und kehrte auf seine Lichtung zurück.
Auf den dünnen Wipfeln der Kiefern hatte sich ein Rabenschwarm niedergelassen. Ein halbes Dutzend großer Vögel wippte leise im Wind, schielte auf die Waldwiese mit dem Toten.
Der größte Rabe saß ganz nah auf dem Wipfel der am Rand stehenden Kiefer, er ließ seinen schwarzen massiven Schnabel herabhängen, und starrte ihn frech an.
Sutschenja fuchtelte mit dem Arm, einmal, zweimal.
Der Rabe bewegte sich gar nicht.
Sutschenja suchte mit den Augen einen Stock. In der Nähe gab es keinen.
Kraftlos sank Sutschenja neben Burow.
Burow lag im, nun für ihn unbrauchbar gewordenen, Mantel, aber Sutschenja zog ihn nicht aus.
Er verschloss die beiden oberen Mantelknöpfe.
Unmerklich rückte der Abend heran. Der Himmel verfinsterte sich noch mehr.
Die Raben saßen auf den Kiefernwipfeln und warteten geduldig.
Es begann zu regnen.
Sutschenja zog Burow unter die hängenden Äste einer nahen Kiefer.
Er selbst legte sich daneben und presste sich an den Mantel.
54. Natur/ Wald/ Herbst/ Früher Morgen
Sutschenja erwachte als es hell wurde.
Nebel hüllte den Wald ein.
Das erste was er sah – die Raben, die auf den Zweigen der Kiefern saßen, traten aus dem Nebel hervor.Sutschenja begab sich vorsichtig auf die breite vom Nebel durchzogene Schneise, er fand einen passenden Stock, brach ihn ab, kehrte zur Lichtung zurück.
Er wedelte mit dem Stock und stieß ihn an die nahe Kiefer.
Ein Rabe rutschte ungeschickt vom Wipfel, flog auf und ließ sich auf einer entfernter stehenden Kiefer nieder.
55. Natur/ Wald/ Herbst/ Morgen
Es war schon hell, als Vojtik im Nebel zwischen den Kiefern erschien.
VOJTIK
Du sitzt?
SUTSCHENJA
Hier.
Sutschenja nickte in Richtung der Kiefer, unter ihr ragten Burows unbewegliche Beine hervor.
VOJTIK
Ich wusste es. Schon lange?
SUTSCHENJA
Gestern gegen Abend.
VOJTIK
So siehts aus! Man braucht auch kein Fuhrwerk mehr.
Vojtik warf einen Blick auf den Raben.
VOJTIK
Wie die angeflogen kamen. Sie warten.
SUTSCHENJA
Seit gestern warten sie. Was, es gibt keinen Wagen?
VOJTIK
Nein. In Babitschi sind die Deutschen.
SUTSCHENJA
Die Deutschen? Wie weiter?
VOJTIK
Und was nun? Verstecken wir ihn und gehen los. Vielleicht kommen wir durch.
SUTSCHENJA
Wohin?
VOJTIK
Je nachdem. Ich geh in die Truppe, und du möchtest wohl zu den Deutschen?
Vojtiks kalte Augen starrten aus dem mit Bartstoppeln überzogenen Gesicht prüfend auf Sutschenja.
SUTSCHENJA
Ich geh nicht zu den Deutschen. Bring auch mich in die Truppe. Es gibt keinen anderen Weg.
VOJTIK
In der Truppe, ja. Dort warten sie gerade auf dich.
Sie schwiegen.
SUTSCHENJA
Wir müssen Burow mitnehmen. Wir können ihn nicht hier lassen. Es gibt so viele Raben hier.
VOJTIK
Wenn du ihn selbst trägst.
SUTSCHENJA
Ja, ich trage ihn, was ist schon dabei.
VOJTIK
Wenn es so ist, dann steh auf.
Sutschenja kroch auf Knien zu den niedrigen Zweigen, umfasste den Toten unter den Achseln und zog ihn auf einen freien Platz.
56. Natur/ Wald/ Herbst/ Morgen
Durch die Schneise zwischen den alten Kiefernstämmen schwamm feuchter Nebel.
Die Wipfel und Kronen der Bäume verbargen sich in seinen beweglichen sich ballenden Wellen.
Nachdem sie die Schneise etwas entlanggegangen waren, blieben sie stehen.
VOJTIK
Weißt du wo wir hin müssen?
SUTSCHENJA
Wenn wir nicht nach Babitschi wollen, müssen wir uns links halten.
VOJTIK
Führe uns! Pass nur auf, nicht zu den Deutschen!
Vojtik ließ Sutschenja nach vorn, er nahm das Gewehr, leicht im Anschlag.
Dann zögerte er – schießen oder nicht schießen – und ging ihm hinterher
Den Wald kennt er nicht. Soll er mich erst auf den Weg führen. Und dort...
57. Natur/ Wald/ Herbst/ Tag
Sutschenja und Vojtik schleppten sich durch den nebligen Wald, erkaltet atmeten sie seinen harzigen fast alkoholischen Geist.
Die mit Nadeln übersäte Walderde war weich und sauber, ohne Gras und Gestrüpp.
Die Wipfel der gigantischen Kiefern verbargen sich weiterhin in dem niedrigen nebligen Haufen.
Der Himmel war kaum zu sehen.
Dünnes Unterholz von Birken und Kiefern erkaltete im Nebel. Es war still und taub.
Irgendwo auf der linken Seite krachten plötzlich Schüsse.
Sutschenja ließ sich auf die Seite fallen.
Vojtik ging runter auf die Knien.
VOJTIK
In Babitschi, oder?
SUTSCHENJA
Wenn es in Babitschi wäre, dann auf der anderen Seite. Es scheint eher die Chaussee zu sein.
VOJTIK
Auf der Chaussee?
SUTSCHENJA
Ja..
VOJTIK
Es gibt hier auch noch eine Chaussee? Wohin hast du uns bloß geführt?
SUTSCHENJA
Wohin soll ich denn führen? Sie haben doch gesagt, dass in Babitschi die Deutschen sind.
VOJTIK
Ja, die Deutschen
SUTSCHENJA
Also können wir nur hier lang. Über die Chaussee.
58. Natur/ Wald/ Herbst/ Tag
Sie lagen auf der kalten Erde unter Kiefern.
Der Nebel löste sich den ganzen Tag nicht auf.
In der Nähe hörte man zwei Autos. Durch das dichte Unterholz konnte man sie nicht sehen. Auch die Chaussee konnte man nicht sehen.
Vojtik kroch näher zu Sutschenja.
VOJTIK
Also die Chaussee, ja?
SUTSCHENJA
Ja.
VOJTIK
Was machen wir? Gehen wir rüber?
SUTSCHENJA
Vielleicht besser nachts, wenn es ganz dunkel ist?
VOJTIK
Man muss lange warten.
SUTSCHENJA
Es ist besser zu warten.
Sie saßen zu beiden Seiten neben Burow, der mit eingeknickten Armen teilnahmslos auf der Seite lag. Seine struppigen Haare und die breiten Schultern waren von Spinnweben und Nadeln überzogen. Die Stiefel waren von den langen Beinen gerutscht, sein ganzer Körper schien unnatürlich überdehnt und ungelenk.
VOJTIK
Kanntet ihr euch lange?
SUTSCHENJA
Seit der Kindheit. Wir wohnten in einer Straße. Er war übrigens jünger. Hat sich immer für Autos interessiert.
VOJTIK
Ja-a. Das ist uns zum Verhängnis geworden. Ihm und dir.
SUTSCHENJA
Vielleicht war es so. Mich hat etwas anderes verraten.
VOJTIK
Was denn noch?
SUTSCHENJA
Dass ich dort nicht gestorben bin, auf der Polizei. Das wars.
VOJTIK
Warum soll man sich beeilen zu sterben? Burow hatte es eilig. Er hatte keine Geduld. Alles durch seine Dummheit.
Suschenja
Ja, Burow ist zu früh...Er war noch jung.Vojtik
Warum tut dir das leid?
SUTSCHENJA
Weil es wie durch mich passiert ist. Obwohl ich nichts dafür kann. Wollte ich das etwa? Ich wollte nur nicht dort im Sumpf liegen.
VOJTIK
Wenn du im Sumpf liegen würdest, wäre Burow noch am Leben. Ist es nicht so?
SUTSCHENJA
Wahrscheinlich ist es so... Na sagen Sie es schon dem Kommandeur...
VOJTIK
Was soll ich sagen?
SUTSCHENJA
Nun über mich, wenn etwas. Wenn ich nicht durchkomme. Ich hab ja immerhin Zhenka, das Kind...
VOJTIK
Ach so das! Das werde ich sagen. Vielleicht muss ich es auch aufschreiben.
SUTSCHENJA
Aufschreiben – das ist gut. Das ist immerhin ein Dokument.
VOJTIK
Auf ein Dokument hoffst du?
SUTSCHENJA
Nun, vielleicht würden sie die Sache irgendwann in Ordnung bringen.
Hier schaute Vojtik mit einem scharfen prüfenden Blick auf Sutschenja. Dieser zuckte vor Unbehaglichkeit zusammen.
VOJTIK
Sie haben dich angeworben, ja? Na, gib es zu.
SUTSCHENJA
Wenn sie mich angeworben hätte, aber nein! Sie haben es versucht. Aber ich konnte es nicht. Aber ich konnte es nicht und das ist alles.
VOJTIK
Was heißt, du konntest nicht? Du lügst wahrscheinlich?
SUTSCHENJA
Na wie kann man denn, urteilen Sie selbst! Bei so einer Sache! Du richtest nicht nur dich zugrunde, auch noch deine Familie... Wie sollen die denn leben? Wenn sie leben bleiben.
VOJTIK
Nun, es passieren unterschiedliche Sachen. Klar, es ist Krieg...
SUTSCHENJA
Ja, Sie sagen Krieg! Dass alles vorkommt... Aber hat sich denn in den eineinhalb Jahren alles geändert? Verändert sich der Mensch so schnell? Vor dem Krieg ist er so und im Krieg ein anderer? Ich habe hier 37 Jahre gelebt, mich kennen alle. Man hat mich immer geachtet. Ich hab mich nie mit jemandem gestritten. Warum glauben sie mir jetzt nicht mehr? Es sieht so aus, als glaube man den Deutschen, aber nicht dem Mensch aus den eigenen Reihen. Die Nachbarn und Sie. Sogar meine Frau zweifelt. Hat sich verändert? Wie kann ich mich verändern, wenn ich so geboren wurde?
VOJTIK
Ach, und wie die Leute sich ändern. Labile Elemente. Wenn man leben möchte.
SUTSCHENJA
Gerade das. Wenn du leben möchtest, wie kannst du dich da auf eine Schweinerei einlassen? Wenn der Tod da ist, dann ist es egal. Aber ein Lebendiger hofft auf das Leben. Vielleicht nicht für sich, aber für sein Kind. Wenn es ihm glückt zu leben.
Vojtik stützte sich auf seinen Arm und sah in das nahe vom Nebel verhüllte Unterholz, er hörte Sutschenja nicht besonders aufmerksam zu.
VOJTIK
Na dann los! Du gehst als erster! Gehst rüber, wartest. Ich komme nach.
Sutschenja erhob sich. Er zog Burow auf seinen Rücken und schleppte sich gebückt zum Strauch.
Langsam verschluckte ihn der Nebel.
59. Natur/ Wald/ Herbst/ Abend
Vojtik lauschte noch einmal in die abendliche Stille des Waldes.
Als ob niemand und nichts da wäre.
Er erhob sich. Leise kroch er aus dem Gestrüpp auf die Lichtung.
Er ging zum tiefen Graben. Er schaute von oben zum einen Ende des vom Nebel bedeckten Chausseestreifens, dann zum anderen. Er wurde etwas langsamer und ging mit kleinen Schritten den steilen Abhang hinunter.
In der Mitte des Grabens rutschte er ungelenk auf den schiefgetretenen Schuhen aus und seine Gewehre stießen hinten mit den Beschlägen zusammen.
Der Stoß war leise, aber hier auf der Chaussee, klang er erschreckend laut.
Vojtik warf einen unruhigen Blick nach der Seite und nach gegenüber. Und in diesem Augenblick erstarrte er vor Schreck.
Auf der anderen Seite des Grabens schimmerten die Silhouetten von zwei Menschen. Einer von ihnen starrte in Richtung Feld, der andre winkte aufgeregt mit der Hand.
SILHOUETTE
Halt!
Ungeschickt drehte sich Vojtik auf dem grasbewachsenen Abhang und warf sich auf den Hang.
Sein Karabiner glitt von der Schulter. Gerade befestigte er ihn am Gürtel, als die neblige Dämmerung hinter ihm von einer schallenden Gewehrsalve feurig erglühte.
Es fehlte nicht mehr viel bis zum Ende der Böschung, als eine Kugel ihm scharf ins Schulterblatt stieß.
Vojtik richtete sich auf und fiel kopfüber den feuchten grasbewachsenen Abhang hinunter.
Er geriet ins Steppengras, neben den Graben.
Auf dem Weg näherten sich Stimmen.
ERSTER POLIZIST
Verstehst du, ich dreh mich um – da steht er! Ach du meine Fresse, ich glaubs nicht! Wo ist er denn hier? Komm her...
ZWEITER POLIZIST
Warte!
ERSTER POLIZIST
Da ist er... liegt! Da ist ein Gewehr! Hab ich es nicht gesagt, ein Bandit!
Zwei Polizisten kamen zu Vojtik.
Einer gab ihm einen Tritt.
ZWEITER POLIZIST
Getötet?
ERSTER POLIZIST
Sieht so aus.
Er bückte sich und durchsuchte ihn.
ERSTER POLIZIST
Hier, die Pistolentasche... Leer, Scheiße. Und wo ist die Pistole?
ZWEITER POLIZIST
Suche. Vielleicht im Gras...
Der erste Polizist durchsuchte gewissenhaft die Taschen und zog eine Brieftasche mit Papieren, einen Löffel und ein Taschenmesser heraus.
Dann gingen die Polizisten. Einer kam wieder zurück.
ERSTER POLIZIST
Der hat Schuhe.
Und er kehrte zu Vojtik zurück.
ZWEITER POLIZIST /vom Weg/
Mach schneller.
Der Polizist zog gewaltsam den Schuh aus, ohne die Schnürsenkel zu lösen. Da stöhnte Vojtik leise.
ERSTER POLIZIST
Meine Fresse... Er lebt noch!
ZWEITER POLIZIST
Schieß und wir hauen ab!
60. Natur/ Wald/ Herbst/ Abend.
Als er einen einsamen Schuss hörte, zuckte Sutschenja zusammen.
Er erhob sich und stand angespannt lauschend.
Die Schüsse am Weg hatten aufgehört. Aus der nebeligen Stille hörte man noch kurz ferne gedämpfte Stimmen. Dann wurde es still.
In der nebligen Dämmerung konnte man die gemähte Wiese kaum unterscheiden, sie lag leer vor ihm.
Schnellen Schrittes ging Sutschenja durchs Gras entlang dem gemähten Heu.
Er blieb stehen. Er drehte sich zur Seite, ging am Rand des Gebüschs entlang, umging das Heu und fand neben dem Telegrafenmast eine Grube.
Er setzte sich in die Hocke und lauschte. Vorsichtig um nicht auszurutschen, ging er zum Weg hinab. Er rannte über den feuchten Kies und kletterte auf die andere Seite hinauf.
Zuerst fand Sutschenja die Schirmmütze.
Dann kletterte er nach unten, berührte auch den Körper von Vojtik.
Vom einen Bein hing der Fußlappen im Grass. Das zweite Bein war barfuss.
Die Hosentaschen waren umgestülpt.
Vor Erregung zitterte Sutschenja leicht, dann nahm er den toten Körper, schob ihn auf sich und überquerte eilig die Chaussee.
61. Natur/ Wald/ Herbst/ Nacht.
Es herrschte wie vorher nächtliche Stille.
Durch Nebel und nackte Äste floss nächtlich schläfrig und trübe der Fluss abwärts.
Daneben lagen zwei Leichen. Zwei Partisanen lagen wie aufgereiht Schulter an Schulter. Beide ohne Oberbekleidung und barhäuptig. Mit leeren waffenlosen Händen.
Sutschenja saß auch dort. Er hielt den schwarzen Polizeirevolver in der Hand.
Durch den Nebel und eine aufgerissene Wolke schaute der Vollmond.
Ein Rabe flog lautlos und landete auf dem Wipfel einer Kiefer.
62. Interieur– Natur / Sutschenjas Hütte – Hof/ Sommer/ Nacht
Sutschenja schlief im Bett.
Das Mondlicht fiel mit beweglichen Flecken auf sein Gesicht.
Hinterm Fenster rauschte der Wind.
Plötzlich zuckte Sutschenja zusammen, er hörte einen verzweifelten Schrei in der Nähe.
Das war der Schrei eines Kindes.
Sutschenja hatte es gleich erkannt. So konnte nur sein Sohn Grischutka weinen.
Soviel erwachsener Kummer wurde mit diesem Schrei herausgepresst, dass Sutschenja eine Sekunde wie vor den Kopf geschlagen war
Er sprang auf.
Er rannte wie der Teufel aus der Hütte um die Scheune, durch die Brennnesseln in den Garten.
Ihm schien das Weinen gerade von dort zu kommen.
Aber im Garten war niemand. Aber das Weinen kam aus dem Garten. Aus einer Reihe von Kirschbäumen, die unten mit Himbeeren bewachsen waren.
Sutschenja rannte dort hin.
Er kletterte über den verfaulten Zaun.
Aber auch unter den Kirschbäumen war niemand.
Das Weinen kam von der anderen Seite – vom Hof. Grischutka schluchzte vor Verzweiflung.
Sutschenja rannte den Zaun entlang zum Hof,als er hinter der Ecke hervorsprang, flog ein ganzer Schwarm Krähen von den Dächern.
Das erboste Vogelgeschrei erhob sich unter den Himmel.
Sich schützend warf Sutschenja die Hände über den Kopf und zog den Kopf zwischen die Schultern um weiter vorzupreschen.
Das Kinderweinen wurde leiser und entfernte sich in der Weite.
Dann wurde alles andere still und verlor sich in der Dunkelheit.
63. Natur/ Wald/ Herbst/ Nacht.
Durch die frostige neblige Nacht bahnte sich eine Gruppe subversiver Partisanen den Weg zur Chaussee. Sie gingen schweigend und vorsichtig, einer hinter dem anderen – am Anfang der Älteste
Etwas seitlich in der Ferne krachte plötzlich ein Schuss. Er knallte eher leise im Nebel.
Die Partisanen setzten sich alle auf einmal hin. Aber es gab keine weiteren Schüsse mehr.
Der Kiefernwald lag schwarz und schweigend hinterm Weg in der nebligen Dämmerung.
Der hinterm Ältesten ging, sagte leise.
PARTISAN
Da spielt jemand rum... Irgendein Dummkopf.
Der Älteste drehte zweifelnd seinen Kopf im Käppi.
Er horchte und als er nichts weiter vernahm, folgte er der Richtung des Schusses und ging vorsichtig über dem Abhang.
Die anderen schleppten sich hinterher.